Very British! Fasst Cricket in Stuttgart Fuß?
Sven Sattler, 23.09.2012. Leonberg – Hätte man nicht gewusst, dass es sich bei dem, was die sportlich gekleideten Herren da betreiben, um eine englische Sportart handelt, spätestens ein Blick ins Regelwerk wäre vieles klar geworden. „Jede Regenunterbrechung“, heißt es in den Turnierbestimmungen der Cricket Eagles, „wird als Unentschieden gewertet.“ Verständlich: Glaubt man den Klischees, kämpft kein Volk so sehr mit den Tücken der nassen Witterung wie die Engländer.
An dem Tag, an dem die Eagles ihren Corporate Cup austragen, findet die Regel aber keine Anwendung. Die Sonne strahlt schon frühmorgens. Kein Wunder: Höfingen ist schließlich kein Stadtteil von London, sondern von Leonberg. Und es gibt weitere Indizien dafür, dass dieses Cricket-Turnier außerhalb des Mutterlands des Sports ausgetragen wird. Statt eines üblichen Cricketballs werfen die Bowler den Schlagmännern, Batsmen genannt, spezielle Tennisbälle um die Ohren – die harten, aus Kork und Leder gefertigten Kugeln wären eine zu große Gefahr für die auf der Landstraße neben dem Sportgelände vorbeirauschenden Autos. Und der Ascheplatz in Höfingen erinnert auch nicht gerade an einen englischen Rasen. „Wir dürfen hier nur auf den Hartplatz“, sagt Adnan Sadeque, Präsident der Eagles, „aber das ist für uns okay, dann müssen wir halt ein bisschen improvisieren.“
Mit 130 Mitgliedern der größte Cricket-Verein Deutschlands
Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass die Stuttgarter Cricketspieler Improvisationstalent beweisen müssen. „Es ist schwer, die Sportart in Deutschland zu etablieren“, sagt Sadeque, „Cricket ist hierzulande nicht so bekannt. Hinzu kommt, dass man für das Spiel viel Equipment und einen geeigneten Platz braucht. Und dann ist Cricket von den Regeln her nicht so einfach wie andere Sportarten.“ In Bangladesch, dem Heimatland des 35-Jährigen, und anderen ehemaligen britischen Kolonien wachsen Kinder schon mit dem Sport auf. Spielen die Nationalteams dieser Länder gegeneinander, kann es schon einmal vorkommen, dass das öffentliche Leben stillsteht.
Verständlich also, dass Studenten und Fachkräfte vom indischen Subkontinent das Rückgrat des 2010 gegründeten Clubs bilden, der mit 130 Mitgliedern der größte Cricket-Verein Deutschlands ist. Doch Präsident Sadeque ist das nicht genug: „Wir wollen, dass unser Sport auch in Stuttgart Fuß fasst“, fordert der Vorsitzende. Noch schlagen sich seine Mitstreiter und er jedoch mit Startschwierigkeiten herum: „Cricket muss man lernen“, erklärt Sadeque, „und es braucht Zeit, um Spaß daran zu haben.“ Bevor es zum Training geht, muss deshalb erst einmal die Theorie gebüffelt werden. Leider, sagt Sadeque dann, seien viele deutsche Interessenten abgesprungen, bevor sie richtig mit dem Sport angefangen hatten.
Cricket gilt immer noch als Gentlemen’s Sport
Davon lassen sich die Eagles aber nicht frustrieren: Im Betriebssport von Bosch und Daimler ist der Club aktiv, bei den Projekttagen des Gymnasiums Korntal-Münchingen begeisterten die Mitglieder vor den Sommerferien 27 Schüler für Cricket. Und zusammen mit der Children’s English Library (CEL) in Stuttgart will der Verein weitere Schul-Workshops organisieren. Auch Manuela Schmelt, Mitarbeiterin der CEL, freut sich über das Engagement der Eagles: „Meine beiden Jungs spielen mit Leidenschaft Fußball“, sagt die in Stuttgart lebende Londonerin, „aber ich wollte, dass sie auch Cricket spielen. Der Sport gehört schließlich zur britischen Kultur dazu.“
Genauso wie fürs Regenwetter sind die Briten für ihre Höflichkeit bekannt. Auch Cricket gilt immer noch als Gentlemen’s Sport, bei dem unfaire Verhaltensweisen geächtet sind und die Kontrahenten stets ein sportliches Miteinander pflegen. „Im Englischen gibt es sogar die Redewendung ‚That’s just not cricket!‘ – das heißt so viel wie: Das ist einfach nicht fair!“, erklärt Manuela Schmelt. Deutschlands Cricket-Gentlemen sind vom sportlichen Durchbruch aber noch weit entfernt: In der Weltrangliste des Cricket-Weltverbands ICC steht Deutschland nur auf Rang 39 – hinter den Fidschi-Inseln.
Source: www.schwarzwaelder-bote.de





