Bremer Cricket-Verein wirbt um Akzeptanz
Bremen. Schon beim Namen fangen die Probleme an. “Cricket?”, fragt die Kollegin ungläubig. “Ist das nicht dieses Spiel für reiche Leute, bei dem man Bälle mit einem Holzhammer durch kleine Eisentore schlagen muss? Wie die böse Herzkönigin bei Alice im Wunderland?” Nein. Das ist Krocket. Dass Cricket in Deutschland einen so schweren Stand hat, liegt aber nicht nur daran, dass es oft verwechselt wird. Zu langwierig, zu kompliziert ist vielen das Spiel. Auch in Bremen ist das nicht anders.
Damit das gelingt, hat er ein Freizeit-Turnier in Bremen organisiert. Und tatsächlich kommen 20 Neugierige auf das Sportfeld nach Findorff, um sich dieses ominöse Cricketspiel einmal genauer anzusehen. Einer von ihnen ist Exportkaufmann Thorsten Kämke. “Ich habe Cricket bisher nur auf Dienstreisen gesehen”, sagt er. “Und ich habe mich immer gefragt: Wie spielt man das?” Die Grundidee ist einfach: Wie beim Baseball treten zwei Mannschaften gegeneinander an, eine wirft, die andere schlägt und rennt. Dann wird es komplex. Der Schlagmann bewacht mit seinem paddelartigen Holzschläger das sogenannte “Wicket”, drei miteinander verbundene Holzstangen. Werfer versuchen, das Wicket zu treffen und damit einen Schlagmann aus dem Spiel zu kegeln. Die Schlagmannschaft kann Punkte machen, wenn sie den Ball aus dem Spielfeld haut. Oder es der Schlagmann zur nächsten Markierung schafft, bevor der Ball zurück beim Werfer ist. Anders als beim Baseball aber hetzen die Schlagleute nach einem getroffenen Ball nicht im Viereck übers Feld, sondern sprinten nur geradeaus zum Werferplatz und zurück. Und anders als beim amerikanischen Volkssport ist auch der Wurf selbst: Nicht aus der Schulter, sondern mit gestrecktem Arm wird der Ball geschleudert. Bevor er den Schlagmann erreicht, setzt er meist noch einmal auf dem Boden auf. Das gibt dem Werfer eine Fülle von Möglichkeiten. Langsam werfen und mit viel Schnitt oder mit maximaler Geschwindigkeit: Ersteres ist für den Schlagmann oft schwer zu berechnen, Letzteres kann ihm im schlimmsten Fall arg wehtun. Damit das nicht passiert, tragen die Profis Beinschützer, Handschuhe und Helme.
Beim Turnier in Findorff dagegen sind die Spieler im lockeren Freizeit-Outfit unterwegs. Abseits des Spielfeldes sitzen vier Mannschaften in kleinen Grüppchen im Gras, essen Pizza mit Thunfisch oder Hühnchen. Die Szenerie hat etwas von Familienausflug. “Ein Stück Heimat” sei das Spiel für ihn, sagt der 17-jährige Haider Chaudhry und zieht seine rote Kappe noch etwas tiefer ins Gesicht. Die komplexen Regeln, die taktischen Finessen: Wenn man damit aufwachse, sei das alles halb so wild, sagt er. Hinter ihm hängt eine große pakistanische Flagge am Fangzaun, daneben eine kleinere in Schwarz-Rot-Gold. Viele der über 40 Spieler auf dem Sportplatz haben pakistanische Wurzeln. Andere kommen aus Indien und Sri Lanka. In vielen Ländern des britischen Commonwealth ist Cricket Nationalsport Nummer eins. Aus Hamburg, sogar aus Berlin sind nun manche Spieler angereist, um in Findorff ein paar Bälle zu werfen. Und dem Cricket in Bremen auf die Sprünge zu helfen.
Auch der Cricketverband hat in den letzten Jahren einiges getan, um die Hürden für Neueinsteiger zu senken. Die Dauer des Spiels wurde ständig verkürzt. Früher wurde fünf Tage in Folge gespielt. Heute gibt es in der Bundesliga verschiedene Spielformate, das kürzeste dauert um die vier Stunden. Immer noch zu lang für eine immer schnellere Welt? Sohail Mohammed lächelt. Das positive Echo auf das Freizeitturnier habe ihm viel Mut gemacht, sagt er. Zum ersten Mal ist nun das Training auch im Winter gesichert. In der Columbushalle soll die Mannschaft schon bald trainieren können. Und in ein paar Wochen, so hofft Mohammed, wird es endlich eine eigene Vereinsseite im Internet geben. Außerdem hat er an Werder Bremen geschrieben und darum gebeten, dass auch sein Cricket-Team sich Werder nennen darf. “Wenn wir Werder hießen, hätten wir eine viel breitere Wirkung”, glaubt Mohammed. Es wäre ein weiterer Schritt für das Bremer Cricket hin zur deutschen Normalität.
Von Marcel Heberlein, www.weser-kurier.de



