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Das Michelin-Männchen auf dem Cricket-Platz

 
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SZ-Volontärin startet einen Selbstversuch beim Oberschwaben Cricket Club. Ab und zu trifft sie sogar – SZ-Volontärin Simone Dürmuth versucht Cricket zu spielen.
Von Simone Dürmuth, www.schwaebische.de

Weingarten „RRRatsch!“ – Ahmed Abbas reißt die Verschlüsse des Beinpads, ein Teil der Schutzausrüstung beim Cricket, auf und hält es mir vors linke Schienbein. „Ein bisschen zu lang“, bemerkt er. Kein Wunder – im Cricketteam des Oberschwaben Cricket Club in Weingarten sind fast nur Männer. Und die sind deutlich größer als ich. Trotzdem quetschen wir die Schutzausrüstung irgendwie zusammen und nach mehreren Minuten stehe ich in voller Montur auf dem alten Sportplatz hinter der Pädagogischen Hochschule in Weingarten: Beinschoner bis über die Knie, an den Oberschenkeln nochmal kleinere Schaumstoffpads, den linken Arm fast bis zur Schulter eingeschient und dazu noch dicke Handschuhe. Dazu kommt noch ein Helm. „Der Ball ist sehr hart und wird bis zu 150 km/h schnell“, erklärt Abbas. Da will ich lieber nicht ohne Helm im Weg stehen.

Ich bin fest entschlossen, heute ein bisschen Cricket zu lernen, doch die Regeln sind kompliziert. Im Prinzip geht es darum, dass sich ein Werfer und ein Schläger gegenüberstehen. Der Werfer versucht, den Schläger zu einem Fehler zu bewegen, damit dieser ausscheidet. Der Schläger wiederum versucht den Ball wegzuschlagen, wofür er Punkte bekommen kann. Der Werfer wird außerdem durch die Feldspieler unterstützt, die den Ball immer wieder so schnell wie möglich zu ihm zurückbringen müssen, ähnlich wie beim Baseball. Ich soll heute vor allem die Grundzüge dieser beiden wichtigen Positionen lernen. Also Schlagen und werfen.

Wenig später stehe ich dann auch schon Aug‘ in Aug‘ mit meinem Gegner – dem Werfer. Ich merke schnell, dass ich hier geschont werde. 150 km/h haben diese Bälle bestimmt nicht drauf. Trotzdem komme ich ordentlich ins schwitzen. Nicht nur, dass ich noch nie eine große Leuchte in Sachen Ballsport war – in der Schule bekam ich sogar für Federball Extraunterricht, weil ich nicht getroffen habe – sondern die Schutzausrüstung behindert mich auch noch bei jedem Schritt. Ich fühle mich wie ein kleines Michelin-Männchen, dessen Sichtfeld durch den Helm ordentlich eingeschränkt ist. Und durch den schmalen Seeschlitz blendet mich auch noch die Sonne. Aber ich gebe mein Bestes und stolpere den Bällen hinterher. Manchmal treffe ich sogar, obwohl mir der mehrere Kilo schwere Schläger an der Schulter reißt.

Gespielt wird in Weingarten auf einem gewöhnlichen Sportplatz, Schläger und Werfer stehen sich am Rand des Platzes auf der Tartanbahn gegenüber, die Feldspieler stehen auf dem Rasen. Auf der anderen Hälfte des Rasens spielt eine Hobby-Fußballmannschaft und ab und an rennt ein Läufer an uns vorbei. „Das ist nicht ideal“, erklärt Abbas. Denn eigentlich müssten sich Schläger und Werfer auf einem Pitch gegenüberstehen. Das ist ein Rechteck aus verschiedenen Sandschichten. „Der Sand unterstützt die Bewegung des Balles“, so Abbas. Der Belag der Tartanbahn wirkt eher wie eine Bremse.

Ich finde das gar nicht so schlecht – die Bremswirkung der Tartanbahn gibt mir den Bruchteil einer Sekunde mehr Zeit, die Flugbahn des Balls zu erfassen. Ein bisschen Zeit, die der Unterschied zwischen treffen und nicht treffen sein kann. Zeit, die Profispieler nicht haben. Sie müssen an der Bewegung des Werfers sehen, wo der Ball ankommen wird, erklärt Abbas. Ein Nachteil für die Spieler in Weingarten, sie können die hohen Geschwindigkeiten auf ihrem derzeitigen Platz nicht trainieren.

Darum bemüht sich der Verein darum, den Sportplatz hinter der PH als Vereinsplatz zu bekommen. Sollte das klappen, würde der Verein einige Veränderungen am Platz vornehmen. Vor allem müsste möglichst bald ein Netz hinter dem Schlagmann her – denn so mancher Ball geht nicht auf den Platz zu den Feldspielern, sondern direkt ins Gebüsch. Vor allem, wenn Anfänger wie ich mit beim Training sind. „Wenn wir fünf Minuten spielen, suchen wir zwei Minuten die Bälle in den Büschen“, fasst Abbas das Problem zusammen. Außerdem würde der Verein einen Teil des Platzes ausheben und mit verschiedenen Sandschichten wieder auffüllen, um einen Pitch, den Schlagplatz für einen echten Cricket-Platz zu kreieren. Damit wäre laut Abbas der Oberschwaben Cricket Club in Weingarten wahrscheinlich der erste Club in Deutschland, der einen original Cricket-Platz hätte. Etwa 10 000 Euro würde der Umbau kosten – aber der neu gestaltete Platz könnte internationale Cricket-Spiele nach Weingarten holen.

Inzwischen wechsele ich die Position – nach einer halben Stunde als Schläger soll ich auch das Werfen üben. In sekundenschnelle bin ich von einem Pulk Cricketspieler umgeben, die mir die Schutzkleidung von Armen und Beinen nehmen. Als einziges Mädchen auf dem Platz werde ich hier schnell zum Lieblingsgegner. Vielleicht, weil man mir schon von Weitem ansieht, dass meine Bälle leicht zu treffen sein werden. Und ich werfe dann auch wie ein Mädchen. Denn mit einem einfachen Wurf aus der Schulter ist es beim Cricket nicht getan: Es gilt anzulaufen und dabei den Wurfarm in einem großen Kreis zu führen – und dann gilt es, den Ball im richtigen Moment loszulassen. Diese komplizierte Übung, die die Koordination aller Gliedmaßen gleichzeitig verlangt, fordert meine gesamte Aufmerksamkeit. Wo genau ich hinwerfe, habe ich jetzt nicht mehr im Griff.

Ähnlich geht es wohl den meisten Anfängern. Den Stammspielern des Oberschwaben Cricket Club wahrscheinlich nicht: Die meisten von ihnen stammen aus Pakistan oder Indien, wo Cricket schon von den Kindern auf der Straße gespielt wird. Die Sprache auf dem Platz ist dementsprechend Englisch, ab und an fliegen ein paar Fetzen Hindi über den Rasen. Trotzdem wollen die Spieler nicht unter sich bleiben, sondern neue Spieler gewinnen, und auch eine Kinder- und eine Frauenmannschaft aufbauen. Im Moment gibt es zwei Frauen, die regelmäßig mitspielen. Die wurden bisher einfach in die Herrenmannschaft integriert.

Nach einer Stunde schleiche ich erledigt vom Platz. Die Mannschaft fängt jetzt erst richtig an zu spielen, aber ich kann jetzt schon spüren, wo ich morgen Muskelkater haben werde.

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