Pressespiegel: Berliner Zeitung: Ganz in Weiß
Berliner Zeitung
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Berlin – Ohne ihre Heimat können sie leben, aber nicht ohne ihre sportliche Liebe: Wenn Briten nach Berlin ziehen, wollen sie nicht ohne Cricket sein. Das traditionelle Schlagballspiel lässt sie auch hier nicht los.
Das erste, was an Rick Bluett auffällt, sind seine Hände. Sie sind unfassbar groß, eine Frauenhand würde glatt darin verschwinden. Rick ist ein hochgewachsener, muskulöser Mann mit blonden, längeren Haaren und angegrautem Bart. Wenn er mit überraschend sanfter Stimme erzählt, dass er früher Rugby gespielt hat, kann man sich das sofort vorstellen. Rick, der Raufbold.
Aber der 49-Jährige, der in England aufwuchs und seit 21 Jahren in Berlin lebt, hat auch eine Schwäche für einen anderen großen Inselsport – für Cricket. Er ist ein guter Werfer und kraftvoller Schlagmann. Er kann noch immer ein Spiel allein entscheiden. Vor zwei Wochen holte er für seinen Verein, den Berlin Cricket Club (BCC), hundert Punkte in einem Durchgang, das ist der Rekord der Saison.
Werfen und Schlagen: Die Hauptpersonen beim Cricket sind der Bowler (Werfer) von der einen und der Batsman (Schlagmann) von der anderen Mannschaft. Der Werfer wirft den etwa Tennisball-großen Cricketball dem Schlagmann zu, der den Ball so weit wie möglich abschlagen muss, um Punkte zu gewinnen. Die Mannschaft des Werfers, die auf dem Feld steht, muss den Ball schnellstmöglich zurückbringen.
Elf Spieler: Im Cricket kann im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten jeweils eine Zeit lang nur eine Mannschaft Runs (Punkte) erzielen. Ein Team besteht aus elf Spielern. Scheidet ein Batsman aus, übernimmt ein neuer Spieler seine Position. Sind alle ausgeschieden, endet der Durchgang, dann tauschen die Teams die Rollen. Die Mannschaft, die mehr Runs erzielt, gewinnt das Spiel.
Traum von Olympia: Bei den Spielen 1900 in Paris war Cricket zum ersten und bislang auch letzten Mal olympische Sportart. Großbritannien siegte und darf diesen Titel bis heute tragen.
Cricket in Berlin: Seit spätestens 1873 spielen in Berlin Männer aus England und den USA Cricket. 1888 begann Germania 88, ein Jahr später Viktoria 89 mit einem geregelten Spielbetrieb.
Berlin ist meisterlich: Berlins Cricketspieler sind in Deutschland die erfolgreichsten, in den letzten zehn Jahren haben die hiesigen Clubs sechs Meisterschaften gewonnen. Der Berlin Cricket Club (BCC) ist der größte Verein, er spielt in der Bundesliga Ost und wurde 2010 deutscher Meister. Insgesamt gibt es in Berlin und Brandenburg acht Clubs mit rund 250 Spielern. Viele kommen aus Indien, Pakistan und England.
Rick Bluett spielt in der zweiten Mannschaft des BCC, des mit rund 40 Spielern größten Cricket-Clubs Berlins. Im Stadtgebiet gibt es sieben Vereine, die sich dem Rasensport widmen und die von Mai bis Ende August fast jedes Wochenende Turniere austragen. Männer, die mit Schläger und Ball auf die Wiese gehen, sich weiße Beinschoner überstreifen und Helme aufsetzen, weil es auch im Cricket alles andere als sanft zugeht. Auch wenn der Sport manchmal als „Baseball auf Valium“ bezeichnet wird. Rick hat sich nicht nur eine schwere Knieverletzung beim Rugby zugezogen, der wuchtig geworfene Cricket-Ball hat ihm sogar schon einen Finger abgetrennt.
Vier verwaiste “Refugees”
Besucht man sein Team bei einer Partie auf dem Maifeld am Olympiastadion, wo alle Berliner Vereine spielen, bekommt man dennoch das Gefühl, sie hätten hier alle Zeit der Welt. Um 11 Uhr vormittags beginnt an diesem sonnigen Wochenende das Match gegen das Team von Victoria 89. Es wird erst sechs Stunden später zu Ende sein. Das ist beim Cricket normal. Es gibt auch Spiele, die mehrere Tage dauern.
Heute ist Ricks Mannschaft zuerst an der Reihe, den Schlagmann zu stellen und Bälle abzuwehren, die der Gegner wirft. Rick ist nicht in Bestform, nach 18 Punkten muss er raus. Nun kann er auf dem Rasen am Spielfeldrand liegen und rauchen. Manchmal ruft er seinen Mitspielern zu: „Good Job!“ Am Rasen wird englisch gesprochen, auch die wenigen deutschen Spieler halten sich daran. Die meisten beim BCC kommen aus Australien, Neuseeland, und eben wie Rick aus England, dem Mutterland des Cricket. Auch sein Teamkollege Tim Sandner ist Brite. Der 59-Jährige, der seit 1975 in Berlin wohnt und aus Birmingham stammt, ist von Anfang an im Berlin Cricket Club dabei.
1985 hat er per Anzeige Leute gesucht, die Cricket spielen. Kurz darauf trafen sich vier Briten im Volkspark Rehberge, neugierig beäugt von Spaziergängern. Damals nannten sie sich Refugees, Flüchtlinge. „Wir fühlten uns halt ein bisschen verwaist“, sagt Sandner. Auf einen richtigen Cricketplatz zu kommen war schwer, da alle Plätze von der britischen Armee verwaltet wurden. Erst 1988 wurden die Refugees in den Spielbetrieb aufgenommen. Als die Briten 1994 abzogen, wurde der Sport neu organisiert. Die Refugees wurden zum BCC, Tim Sandner war erster Präsident. Er spielt bis heute.
Immer noch voller Ehrgeiz
Auf dem Maifeld ist der erste Durchgang um 14 Uhr zu Ende, der BCC hat 140 Punkte geholt. „Nicht so doll“, resümiert Sandner. Doch bevor die gegnerische Mannschaft ihren Punktlauf startet, gibt es erstmal Mittag. Ein paar indische Spieler haben aus ihren Berliner Restaurants Lammcurry mitgebracht.
Den Lunch gibt es auf englischen Plätzen auch, und doch ist bei den Berliner Cricket-Exilanten längst nicht alles wie in Großbritannien. Es gibt kaum Zuschauer, die Tribünen auf dem Maifeld sind leer. „Das liegt daran, dass hier die Pavillons fehlen, in denen die Frauen Tee kochen und Brote machen können“, sagt Tim Sandner. Außerdem ist Cricket in Deutschland alles andere als Breitensport. In England genießt der Sport hohes Ansehen, hierzulande können sich viele unter Cricket gar nichts vorstellen. Wer versuchen will, die komplizierten Regeln, Ausscheide- und Punktvergabemodalitäten zu verstehen, der kann auch gleich den Mount Everest besteigen.
Aber wer sich einfach nur an den Spielfeldrand setzt und mit Rick Bluett plaudert, der erfährt viel über die Faszination dieses Sports. Rick spielt seit der Schulzeit Cricket, kam in England bis in die zweithöchste Liga. „Als ich nach Berlin kam, wollte ich einfach weitermachen.“ Was das Tolle beim Cricket ist: „Es ist ein sehr technisch geprägtes Spiel. Ich mag es, draußen zu sein, hier Freunde zu treffen, Teil eines Teams zu sein. Und ich habe immer noch den Ehrgeiz zu gewinnen.“
Kurz vor 17 Uhr wird es plötzlich turbulent. Ein Spieler aus Ricks Mannschaft fängt den Ball, kurz bevor er über die Linie geht. Der BCC gewinnt das Spiel. Rick und die anderen machen Luftsprünge und jubeln. Am nächsten Wochenende werden sie wieder da sein – ganz in Weiß auf der grünen Wiese.




