Thompson: “Deutschland ist ein Entwicklungsland”
Im Interview der Woche spricht Bundestrainer Keith Thompson über die besondere Faszination Cricket, die WM in Sri Lanka und den Wunsch nach Strukturen wie beim DFB. Zudem erklärt der gebürtige Schotte, warum im deutschen Nationalteam nahezu kein Deutscher spielt. Von Christopher Hemscheidt | Eurosport
Herr Thompson, Sie sind Trainer der deutschen Cricket-Nationalmannschaft. Spielen Sie bitte den Aufklärer für uns – worum geht es beim Cricket?
Keith Thompson: (lacht) Cricket ist eine sehr komplizierte Sportart. Im Mittelpunkt steht das direkte Duell zwischen Werfer und Schlagmann. Ersterer versucht – mit einem Ball bewaffnet – aus rund 20 Metern Entfernung, drei Holzstäbe zu treffen. Aufgabe des gegenüber postierten Schlagmannes ist es dann, den Ball abzuwehren und im besten Fall wegzuschlagen. Während die elfköpfige Feldmannschaft versucht, den geschlagenen Ball aufzusammeln und zurückzubringen, hat der Schlagmann die Chance für sein Team zu punkten. Vom Ablauf her ähnelt Cricket dem US-amerikanischen Baseball, aber Schlag- und insbesondere Wurftechnik sind allerdings komplett anders.
Eurosport überträgt aktuell die ICC World Twenty20-Weltmeisterschaft in Sri Lanka. Ein Event, das in großen Teilen der Welt Millionen von Fans begeistert. Warum hat sich Deutschland nie für eine WM qualifizieren können?
Thompson: Es ist wichtig zu verstehen, dass Cricket in anderen Ländern schon seit mehr als 150 Jahren gespielt wird. Alle teilnehmenden Nationen haben Profi-Mannschaften. In Deutschland hat Cricket – anders als der Fußball – dagegen immer noch Amateur-Status. Mit Top-Teams wie Indien, Australien, Südafrika, Pakistan oder Sri Lanka können wir uns deshalb nicht vergleichen. Das ist ein Niveau, von dem wir noch sehr, sehr weit entfernt sind.
Wie groß ist der sportliche Abstand zu den Spitzenmannschaften?
Thompson: Wir befinden uns derzeit auf Weltranglistenposition 38. Demnach klafft schon noch eine große Lücke zwischen Deutschland und der Weltelite.
Klingt zunächst gar nicht all zu schlimm – Nummer 38. der Welt. Eine WM-Qualifikation ist dennoch ausgeschlossen?
Thompson: Die WM hat ein eigenes Ranking, das auf sehr komplizierten Berechnungen beruht. Man spielt sich durch verschiedene Ligen und Qualifikations-Wettbewerbe. Wir versuchen es über die Europameisterschaft zu schaffen. Die Tür zur WM steht also grundsätzlich offen – auch für ein Cricket-Entwicklungsland wie Deutschland. Der Weg dorthin ist allerdings kein leichter.
Was ist das Besondere am so genannten Twenty20-Weltmeisterschafts-Modus?
Thompson: Zu Beginn der Cricket-Historie dauerten Matches zumeist mehrere Tage. Da war es schwierig, ein Spiel über die volle Distanz zu verfolgen. Das T20-Format ist neu entwickelt worden, um das Spiel für Zuschauer attraktiver zu gestalten. Es ist eine Art Speedvariante des herkömmlichen Cricket-Spiels. Beim laufenden Turnier dauern Partien nun in der Regel nicht länger als drei Stunden. Es gibt mehr Action, das Spiel ist schneller geworden und die Stadien sind voll.
Klingt nach Fußball-Atmosphäre…
Thompson: Ja. Wie beim Fußball kann man jetzt nach Feierabend ins Stadion gehen und sich ein Spiel anschauen. Die Änderung war für den Cricket-Sport sehr, sehr wichtig!
Wie ist eine Cricket-WM im Vergleich zu einer Fußball-WM – wo im besten Fall 7 Spiele inklusive Finale gespielt werden – denn einzuordnen? Kann sie ähnlich kraftraubend sein?
Thompson: Grundsätzlich ist die körperliche Belastung während eines Turniers relativ hoch – gerade bei langen, mehrtägigen Cricket-Matches. Zwar ist die Spielzeit beim T20-Format verkürzt, von den Athleten wird dafür allerdings ein Mehr an Konzentration verlangt. Fußball ist natürlich insgesamt körperbetonter und laufintensiver – allerdings wird zumeist ja auch schon nach 90 Minuten abgepfiffen.
Früher hieß der DFB sogar Deutscher Fußball- und Cricket Bund (DFuCB). Warum ist Cricket heute nahezu von der Bildfläche verschwunden?
Thompson: Eine gute Frage! Bis ca. 1920 wurde in Deutschland sehr viel Cricket gespielt. Dann war der Sport plötzlich verschwunden und kam eigentlich nie wieder richtig zurück. Es war wohl den politischen Bedingungen geschuldet. Heute haben wir Cricket in Deutschland den Einwanderern aus den klassischen Cricket-Nationen wie Indien und Pakistan zu verdanken. Die kamen in den 70ern und wollten einfach nicht auf ihren Lieblingssport verzichten.
Wenn von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Rede ist, wird viel über Integration gesprochen. Beim Deutschen Cricket Bund scheint es selbstverständlich zu sein, dass es Spieler mit internationalem Hintergrund gibt.
Thompson: Ja, so ist es. Auch wenn einige schon mit jungen Jahren nach Deutschland gekommen sind, haben alle Spieler der Nationalmannschaft ihr Cricket-Spiel woanders gelernt – zu Hause, in ihrer Heimat. Die meisten Spieler kommen aus Pakistan, Indien und Sri Lanka. Aber bei uns hat es schon alles gegeben: Australier, Engländer, Südafrikaner. Derzeit gibt es nur ein oder zwei gebürtige deutsche Nationalspieler im Team.
Was in erster Linie den deutschen Strukturen geschuldet ist?
Thompson: Die Strukturen in Deutschland sind schwach! Wir haben hier nicht die Bedingungen, die es einem Spieler ermöglichen würden, Cricket von Grund auf zu erlernen und den Weg bis in die Nationalmannschaft zu gehen. Dennoch ist es kein unmögliches Ziel – einige junge, talentierte U-Spieler sind nicht weit davon entfernt. Dabei mangelt es gerade im Jugendbereich an allen Ecken und Enden. Es gibt kaum Schulen an denen Cricket gespielt wird – es fehlt an Vereinen und Trainern.
Heute sind Sie Nationaltrainer. Wie sind Sie persönlich zum Cricket-Sport gekommen?
Thompson: (lacht) Auch ich bin ja kein gebürtiger Deutscher. Ich bin in Schottland aufgewachsen. Da wurde einfach schon immer Cricket gespielt.
Und in Deutschland? Wo kann ich mich anmelden, sollte ich neugierig geworden sein?
Thompson: Es gibt ca. 80 Vereine in Deutschland. Insbesondere in den größeren Städten. Dort ist man als Anfänger am besten aufgehoben.
Existiert so etwas wie ein zentraler Nationalmannschafts-Stützpunkt?
Thompson: Nein, wir treffen uns dort wo es gerade am besten ist.
Wie regelmäßig kommt das vor?
Thompson: Die finanziellen Mittel erlauben der Nationalmannschaft nicht sehr viel. Wir treffen uns vielleicht zweimal im Jahr. Dieses Jahr haben wir uns für einen fünftägigen Lehrgang in Husum an der Nordsee getroffen. Die Husumer spielen in der dänischen Liga, haben deshalb hervorragende Trainingsbedingungen. Solche Gelegenheiten nutzen wir sehr gerne.
Und dennoch stellen sie eine ambitionierte Nationalmannschaft. Welche Turniere werden Sie als nächstes in Angriff nehmen?
Keith Thompson: Wir spielen im kommenden Jahr zwei große Turniere. Eins im verkürzten T20-WM-Modus in England. Das zweite ist dann ein Turnier der so genannten „Weltliga 7“, in der sich Deutschland derzeit befindet.
Mit welchen Zielen gehen Sie mit der Mannschaft denn in die kommenden Jahre?
Thompson: Wir wollen uns weiterentwickeln und hocharbeiten. Wir sind in den letzten Jahren schon ein ganzes Stück vorangekommen, haben uns für die genannte “Weltliga 7″ qualifiziert. Jetzt wollen wir natürlich in die nächste Liga aufsteigen. Aber das sind sehr, sehr große Ziele. Es ist gar nicht leicht Fortschritte zu machen, wenn man sich so selten sieht wie wir.
Besteht Stagnationsgefahr?
Thompson: Nein! Es muss einfach weitergehen mit dem deutschen Cricket. Das ist das A und O! Und das wird es auch. Neben meiner Trainertätigkeit will ich natürlich auch dafür sorgen, dass sich die nationalen Strukturen ändern. Leute sollen Cricket endlich auch wieder hier in Deutschland lernen. Wenn die Basis größer wird, werden wir auch irgendwann in der Nationalmannschaft davon profitieren. Das ist der Plan. Ein ständiges Weiterkommen ist auf jeden Fall möglich. Ich sehe es positiv, wir können und werden uns weiterentwickeln.
Source: Eurosport.





